Wir alle spüren es und erleben es seit ein paar Jahren schon. Handlettering ist ein großer Trend. Überall wird darüber gesprochen und geschrieben. Es gibt kaum Verlage, die sich nicht diesem Thema widmen wollen. Gastronomie will nicht darauf verzichten, um ihre Menüs auf Tafeln schön dekoriert zu präsentieren. Stifte Hersteller nehmen neue Produkte mit ins Sortiment und Discounter verkaufen Brushpens nun auch. Die Freude, wieder selbst den Stift in die Hand zu nehmen, ist ein Segen für viele nach der Hochphase des Computerdesigns.

Es gibt diese Trendwelle, keine Frage, aber bevor ich sie aufdrösele, möchte ich die Definition von Handlettering nochmal kurz in Erinnerung rufen. Denn was hauptsächlich als Trend wahrgenommen wird, ist nicht Handlettering. Jetzt bist du erstmal irritiert, oder? Damit du weißt was ich meine, erkläre ich dir kurz, was Handlettering ist, auch wenn du es evtl. schon wissen solltest.

Handlettering ist das Zeichnen oder Malen von Buchstaben, egal mit welchem Stift oder Werkzeug

Es ist nicht das Schreiben von Buchstaben, denn schreiben bedeutet automatisch Kalligrafie. Also wenn wir von einer schreibenden Bewegung sprechen, dann ist das immer Kalligrafie. Kalligrafisch schreiben kannst du mit der Feder natürlich, aber auch mit Brush Pens oder mit anderen Stiften oder Stifte ähnelnden Werkzeugen.

Was ist denn aber jetzt Brushlettering?

Gute Frage. Fairerweise muss man sagen, dass Brushlettering sich als Begriff größtenteils durchgesetzt hat und als das schöne Schreiben mit dem Brushpen gemeint bezeichnet wird. Es gibt jedoch immer wieder Personen, die es Brush-Kalligrafie nennen, da ihr Schreibstil mit den Brush Pens wohl eher der klassischen Kalligrafie ähnelt wie z. B. hier.
brushlettering-zebra

Wenn du aber einen Brushpen nimmst und in einem eher dynamischeren Script-Stil schreibst wie hier z. B. hier,

dann fühlt sich das nicht so an wie ein klassischer kalligrafischer Stil, obwohl es mit schreibenden Bewegungen entstanden ist. In diesem Fall fände ich die Bezeichnung Brushlettering wohl auch passend. Mit den Brushpens ist praktisch auch der Begriff „Brushlettering“ entstanden und muss vielleicht noch seine klare Definition finden. Nichtsdestotrotz ist die Begeisterung und Freude für das Schreiben mit den Brushpens riesengroß und ein starker Grund für die Trendwelle.

Viele meinen Brushlettering, wenn sie über Handlettering sprechen

Das ist meine Beobachtung, denn Handlettering ist ein Thema, welches schon immer da war. Ich erzähle dann gerne von der Firma Blaschke aus München, wie sie die Innenstadt nach dem Krieg wieder so einladend für ihre Besucher gestaltet haben. Herr Blaschke verstand es wie kein Anderer, Buchstaben zu gestalten für Schilder und Ladenbeschriftungen. Seine Werke sind auch heute noch zu bewundern. Natürlich gibt es einen allgemeinen Trend, der wieder zum Selbermachen in vielen Bereichen geführt hat nach der Computer Euphorie.

Petra Beiße

Als weiteres Beispiel nenne ich auch gerne Petra Beiße. Ich habe bei ihr letztes Jahr beim Walbaum-Wochenende in Weimar einen Workshop mitgemacht. Sie erzählte von ihrer Zeit als Kalligrafin und Handlettering Künstlerin in der Zeit, wo der Computer auftauchte und die Welt der Grafik auf den Kopf stellte. Ja, sie wurde belächelt mit ihrer klassischen Arbeitsweise. Aber sie hat weitergemacht und sich nicht beirren lassen. Ihr Erfolg gab ihr Recht. Sie hat unter anderem eine wundervolle Handlettering Kampagne für den Playboy realisiert.

Petra hat Handlettering praktiziert, als noch niemand den Begriff kannte. In ihrer aktuellen Wohnung hat sie auf ihrer Fensterscheibe Vorhänge mit Wörtern/Buchstaben simuliert. Regelmäßig bleiben vorbeigehende oder vorbeifahrende Menschen stehen und bewundern ihr Kunstwerk.

Jessica Hische

Auch Jessica Hische erklärt immer gerne deutlich, dass Handlettering „Zeichnen, Malen (Drawing)“ ist und Kalligrafie „Schreiben (Writing)“. Jessica ist ein kleiner Popstar in der globalen Handlettering Szene, da sie auch früh schon Werke realisiert hat, die vom Stil viele Nachahmer fand. Neben ihren wundervollen Arbeiten ist ihre schnelle, kesse und lockere Art zu sprechen bei vielen angehenden Künstlern ein weiterer Grund zur Nachahmung oder zumindest Fan von ihr zu sein.

Handlettering und Logodesign

Handlettering ist oft dekorativ und wird nicht selten nur als Script-Schrift (geschwungen) mit Schnörkeln wahrgenommen. Aber Handlettering ist weit mehr. Es ist auch die individuelle Gestaltung von Buchstaben bei einer professionellen Logogestaltung. Viele Unternehmen bestehen auf eine individuelle Kreation des Firmennamens, anstatt einen existierenden Font dafür zu benutzen. Selbst gestaltete Buchstaben haben ja auch viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten. Ein Schriftzug in einer Serifenlosen Schrift für ein großes Unternehmen bedarf auch eines Handlettering Arbeitsprozesses.

Fazit

Trotz nicht immer klarer Definitionen von Handlettering und Brushlettering bin ich dankbar über die Trendwelle und den Wunsch vieler Menschen, den Weg wieder vom Bildschirm zurück zum Papier zu finden. Es ist so bereichernd und erfüllend und dazu verbessert sich dein Design insgesamt. Jeder Grafikdesigner sollte sich mehr mit der Gestaltung von Buchstaben befassen.

Autor: Robert Bree
Foto und Grafik: Robert Bree

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