Am letzten Freitag durfte ich im Rahmen von #neverlunchalone von Ute Blindert einen Vortrag halten, wie die Kalligrafie mein Leben verändert hat. Ute Blindert hilft Unternehmen und Selbständigen beim Netzwerken in digitalen Zeiten. #neverlunchalone ist eine zweiwöchige kostenlose Vortragsreihe zu den verschiedensten Business Themen, die immer Freitags über die Mittagszeit von 12-13 Uhr stattfinden.

Kaufmännischer Beginn

Ich hole kurz aus, um genug Kontext zu schaffen für meine 10 Learnings, die ich durch das Lernen von Kalligrafie und der damit einhergehenden Beschäftigung mit Handlettering (Gestalten von Buchstaben) erfahren habe. Ich habe sozusagen meinen Weg gefunden, weswegen ich den Artikel auch dementsprechend betitelt habe. Begonnen habe ich meine berufliche Laufbahn kaufmännisch, da ich keine Ahnung hatte was ich machen sollte. Und bei einer kaufmännischen Ausbildung siehst du so viele Bereiche, in denen ich bestimmt meinen Weg finden würde, dachte ich mir. Schließlich begann ich als staatl. gepr. Betriebswirt (Möfa) meine ersten Jobs im Marketing und Einkauf. Das Problem für mich war, dass ich trotz getaner Arbeit nie wirklich das Gefühl hatte, beteiligt gewesen zu sein am Prozess, am Ergebnis. Egal wieviel oder wie gut ich meinen Job machte, es fühlte sich unbefriedigend an. Es ist keine Kritik an der Arbeit in diesen Bereichen, es war meine innere Haltung, mit der ich zu jener Zeit diese Jobs gemacht habe.

Dann Grafikdesigner

Die Unzufriedenheit war so groß, dass ich von einem Tag auf den anderen Grafikdesigner wurde mit lediglich ein paar privaten Abendkursen an der Universität in Mailand. Denn ich wollte irgendetwas tun, was mich inspiriert. Und schönes Grafikdesign tat dies und war eine neue Herausforderung, die ich mir zutraute. Der erste Tag in der Werbeagentur war für mich die Antwort auf meine vorherigen Bedenken. Eine Agentur mit ca. 20 Personen und ich landete in einem Raum voll mit verklebten Büchern und Schränken und alten Macintosh Rechnern. Damals wurden Layouts noch zusammengeklebt mit Sprühkleber. Aber ich wusste, hier bin ich richtig!

Dann kamen die Buchstaben

In fünf Jahren in dieser Mailänder Werbeagentur lernte ich die Basis, um danach als Freelancer in München Agenturen, Verlagen und Selbständigen zu helfen. Dennoch war ich eher ein Layouter und kein richtiger Gestalter. Ich war sehr nützlich aber meine eigene Identität konnte ich durch meine Layouts nur schwer ausdrücken. Dann kamen vor ca. 5-6 Jahren immer mehr diese Handlettering Werke im Internet auf. Diese toll geformten Buchstaben kannte ich schon aus amerikanischen Stadtbildern, Restaurants oder Produktverpackungen. Ich sah in dem Handlettering und in der Kalligraphie einen guten Grund, mich dem voll zu widmen, eine Motivation, aber auch eine große Herausforderung. Mein Job sollte mich motivieren, mich inspirieren und herausfordern. Und somit kommen wir gleich zu meinem ersten Learning, wie du deinen Weg finden kannst.

Challenge

1. Du brauchst eine persönliche Herausforderungfür deinen Weg

Wenn du etwas neues beginnst, etwas neues lernen oder machen möchtest, dann sollte es auch immer eine Challenge für dich persönlich sein. Und eine Challenge ist eine Wunschvorstellung etwas zu können gepaart mit nötigem Respekt, vielleicht auch Unsicherheit, aber der Wunsch es machen zu wollen sollte größer sein. Denn wenn dir etwas leicht fällt, auch wenn es Geld bringt, wird dich wahrscheinlich nicht zufriedenstellen. Da ich seit meiner Kindheit nicht mehr wirklich auf Papier gestaltet habe, viel mir der Anfang sehr schwer und brach einige Widerstände in mir zu Beginn des Lernens und Gestaltens über Buchstaben.

The Doing

2. Das Tun mögen, nicht das Image

Wenn du jung bist und überlegst, was für einen Beruf du ausüben möchtest, passiert es schnell, dass du dich mit dem Image eines Jobs identifizieren möchtest ohne wirklich zu wissen wie sich die tägliche Arbeit anfühlt. Mit anderen Worten, du möchtest vielleicht ein „cooler Künstler“ sein, aber du möchtest nicht regelmässig, wenn möglich täglich an deiner Kunst arbeiten und Kunst produzieren. Gerade in den ersten Jahren werden die Werke nicht so schön sein, aber es ist wichtig, dass du „am Ball“ bleibst, um deine Skills zu verbessern. Denn die Entwicklung findet nur über das Tun statt. Wenn dir das Kalligrafische Schreiben an sich Zufriedenheit gibt, dann besteht eine große Chance, dass du weitermachst und dich weiter verbessern wirst, ohne dich zu sehr mit Künstlern aus Instagram zu vergleichen, um dann frustriert zu sein über den Unterschied in den Ergebnissen.

Talent

3. Talent ist etwas anderes, was wir meinen

Oft wenn jemand etwas gut kann, bzw. etwas in einer ansprechenden Technik ausführt, sprechen wir davon, dass diese Person talentiert ist. Mit der Kreativität ist es ähnlich, dass es immer Menschen gibt, die als kreativ bezeichnet werden. Für mich ist Kreativität ein Muskel, der beansprucht werden muss, um ihn zu entwickeln. Alle die als kreativ bezeichnet werden, sind aktiv und aus dieser Aktivität resultieren ihre kreativen Ideen. Auch ein Buchhalter kann superkreativ sein, wenn er immer Lösungen für seine Klienten findet. Ich glaube wir reden gerne von Talent, wenn jemand etwas technisch sauber ausführt und es leicht wirkt.

Für mich ist das der Stil, indem diese Person jene Fertigkeit ausführt. Es ist also auf den äusserlichen und sichtbaren Bereich reduziert. Es gibt jedoch viele Qualitäten, die nicht leicht sichtbar sind, aber oft sehr verantwortlich für einen Erfolg sind. Warum wird z.B. ein Sportler, der einen sehr starken Siegeswillen hat, technisch weniger ästhetisch agiert, aber eine besondere physisch/starke Voraussetzung mitbringt, weniger als talentiert bezeichnet, und dennoch genauso viel oder mehr Erfolg hat wie andere? In den ersten 2-3 Jahren, als ich die Kalligraphie und das Gestalten von Buchstaben (Handlettering) täglich praktiziert habe, hat es niemanden interessiert. Danach hörte ich dann des öfteren: „Oh, du bist aber talentiert…“ Siehste 🙂    

Motivation

4. Motivation kommt nicht von alleine

Es gibt Tage, da bist du motiviert und es gibt Tage, da bleibst du lieber auf dem Sofa sitzen. „Heute bin ich nicht motiviert“ hat doch schon jeder mal gesagt. Die Motivation ist kein Energiespender wie das gute Wetter, wenn es da ist. Wenn du die Kalligraphie ausführst für 20-30 Minuten passiert folgendes. Du bewegst deinen Kopf und deinen Körper gleichermassen. Du nimmst praktisch am schöpferischen Prozess teil, du siehst ein Ergebnis von dir, egal wie gut es ist. Durch die ganzheitliche Aktivität nimmst du dich mehr wahr, ohne Ablenkung. Dieses Bewußte Wahrnehmen wird normalerweise in Seminaren mehrfach geübt, damit die Teilnehmer wieder zu sich selbst finden. Das kannst du durch die Kalligraphie selbst erreichen. Und das beste daran ist, du bist nach einer halben Stunde „Schön schreiben“ lernen noch motivierter! Als Gegenbeispiel nenne ich gerne das Schauen eines Talks auf Youtube von einem Coach, der dich beeindruckt. Nach einer halben Stunde wirst du auch begeistert sein und innerlich dem Coach immer zugenickt haben, wie recht er doch hat mit seinen Äusserungen. Dennoch bist du nach einer halben Stunde nicht motivierter, sondern weniger, da du auch nur konsumiert hast.

Zeitpunkt

5. Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt für deinen Weg

Deinen Weg zu finden ist nicht an einem Alter geknüpft. Du kannst deinen beruflichen Weg in sehr frühen Jahren nach der Schule finden, oder du findest deine berufliche Bestimmung erst im Rentenalter. Du kannst es nicht erzwingen, deinen Weg zu finden. Vielleicht musst du erst einen anderen Weg wählen, damit du deinen richtigen Weg findest. Kein Weg ist umsonst. Alles hat seinen Grund. Das sind Floskeln, aber es ist was dran nach meiner persönlichen Meinung. Meine Groß-Tante hat sich erst mit 60 Jahren selbständig gemacht, um dann ein Möbelhaus dreißig Jahre erfolgreich weiter zu führen. Setze dich nicht zu sehr unter Druck, auch wenn du meinst, das richtige Alter für deine Karriere haben zu müssen.

Meditation

6. Meditation

Was ist Meditation? Einfach erklärt ist es ein Zustand der inneren Ruhe. Die Gedanken können kommen, ihnen wird aber keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die Konzentration wird eher nach innen gelenkt. Was hat das mit Kalligraphie zu tun? In sehr vielen Workshops sagt nach ca. 30 Minuten immer jemand, wie meditativ das Kalligrafische Schreiben doch ist. Es ist keine Meditation im eigentlichen Sinne, weil das Tun ja im äußerlichen stattfindet, aber es ist eine Konzentration ohne Ablenkung auf eine Sache. Dadurch kann man in einen Flow-Zustand kommen, der sich meditativ anfühlt. Diesen Zustand kann man sicher auch mit anderen Tätigkeiten erreichen.

Design

7. Design

Durch das Beschäftigen mit den Buchstaben in der Kalligraphie und schließlich im Handlettering habe ich die Anatomie der Buchstaben und wie man sie gestalten kann, wirklich kennengelernt. Das Arbeiten mit den Details und das Schreiben der sich immer wiederholenden Buchstabenformen hat mein Design als Grafikdesigner enorm verbessert. Das hat natürlich auch mit dem Weg zurück zum Papier zu tun. Das Zeichnen und Schreiben von so vielen Buchstaben hat nicht nur meine gestalterischen Fertigkeiten erhöht, sondern auch das Auge trainiert, was ein ganz wichtiger Skill ist, wenn es um Design geht. Auch die Regeln der Typografie sind ein wichtiger Teil, wenn du selbst Schriftbilder gestalten oder nur Schrift setzen möchtest.

Schön Schreiben

8. Schön Schreiben lernen

Wenn du die Kalligrafie regelmässig praktizierst, lernst du die Kunst des Schönen Schreibens, was die eigentliche Definition von Kalligrafie (aus dem Griechischen) ist. Das hat viele Vorteile, die du beruflich als Designer nutzen kannst oder wenn du deinen Kunden eine Karte schicken möchtest. Auch privat gibt es zahlreiche Gelegenheiten, die Schönschrift einzusetzen. Oder du schreibst einen ganzen Brief mit deiner eigenen Schrift. Wer macht das heute noch?

Fokus

9. Fokus

Unter Fokus habe ich anfangs nur verstanden, sich auf eine Sache mehr zu konzentrieren und das lief darauf hinaus, dass ich mich innerlich mehr anstrengte, etwas zu begreifen, zu lernen und im Stress endete, weil ich auch alle meinen anderen Tätigkeiten weiter nachgegangen bin. Fokus bedeutet aber hauptsächlich, sich in Ruhe mit etwas zu beschäftigen und viele andere Tätigkeiten dafür nicht mehr nachzugehen, um mehr Energie und mehr Zeit zur Verfügung zu haben.

Mit dem Üben der Kalligrafie habe ich auf vieles verzichtet, was ich vorher gemacht habe. Nicht wenige haben mehr Angst vor dem Verzicht, als dem Beginn einer neuen Gewohnheit. Beruflich hast du vielleicht Bedenken, dass all die anderen Fähigkeiten, die du in dir trägst, vielleicht nicht mehr gesehen werden. Das kann durchaus sein, aber wurden diese anderen Fähigkeiten denn vorher gesehen? Wenn du dich fokussierst auf einen Bereich, machst du ihn zu deinem Spezialgebiet mit der Zeit. Für diesen Bereich machst du dich bekannt, es wird dein Leuchtturm in der Aussenwelt. Wenn du mit all deinen Fähigkeiten sichtbar bist, dann werden die alle wahrgenommen, aber evtl. nicht gut genug. Deine bisherigen Fähigkeiten musst du ja nicht unbedingt aufgeben. Sollte eine berufliches Feld bei dir mehr Fokus bekommen, dann wird sich deine Sicht auf dein weiteres Feld verändern. 

Eigene Standards

10. Eigene Standards

Du möchtest etwas lernen, du möchtest etwas machen, um es zu deinem Fachgebiet zu entwickeln. Setze dir keine Grenzen, was und wieviel du dafür investieren möchtest. Sobald du Experte wirst in deinem Gebiet, bekommst du eine Klarheit über dich, den Wettbewerb und dein Umfeld, nach der du dich vielleicht gesehnt hast. Es ist kein schneller Weg, aber lass dich nicht beeinflussen, wie du es anstellst. Setze deine eigenen Standards und teste, was für dich funktioniert. Auch hier wirst du scheitern, aber dafür trägst du dann die Verantwortung und die fühlt sich zwar nicht besser an, aber eine Lösung dafür zu finden bzw. es nächstes Mal besser zu machen, ist willkommener.

Diese 10 Learnings beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen und sollen nicht bedeuten, das ich es immer schaffe, sie weiterhin umzusetzen. Es sollen auch keine schlauen Ratschläge sein. Aber wenn du vielleicht in ähnlicher Situation bist oder gerade dabei, deinen Weg zu finden, vielleicht kannst du den einen oder anderen Punkt gut nachvollziehen oder lernst noch einen dazu. Wenn du Anmerkungen hast oder ähnliches erlebt hast, lass es mich gerne wissen.

Hier kommst du zur Website vom Netzwerkbooster von Ute Blindert.

Für die Gestaltung des Netzwerkboosters Logos gibt es auch eine ausführliche Case Study hier.

Bilder und Text: Robert Bree