Seitdem ich im Berufsleben bin, habe ich immer gewartet auf jemanden, der mir endlich zeigt, wie es geht, der herausgefunden hat, wo der erfolgreiche Weg hingeht. Das Glück, der Segen, der sichere Pfad zum beruflichen und finanziellen Erfolg. Viele schienen es herausgefunden zu haben, wie der Hase läuft. Ich nicht, aber ich gab mir Zeit und schaute mich um.

Aus der Perspektive als Kind und Heranwachsender hatten meine Eltern die Aufgabe, mir den Weg zu zeigen. Immer wieder haben sie es gemacht, jeder auf seine Weise. Aktiv mit Worten oder still durch Taten. Gerne habe ich ihren Ideen gefolgt, mit der Zeit kannte ich ihre Ideen und wusste schon, wo ich entlangzugehen hatte, bevor sie ihre Empfehlung aussprachen.

Später ahnte ich schon, bevor der wissende Gedanke hochkam, wo der Weg hinging, den meine Mutter oder mein Vater sich für mich vorstellten. In diesen Momenten fing ich angenervt zu werden.

Das Berufsleben begann, und ich ging meinen Weg. Immer in Erinnerung der Ideen und Vorschläge, die ich aus meinem Elternhaus kannte. Sie funktionierten. Aber ich lernte neue Menschen kennen, die ähnliche, aber auch andere Ideen hatten. Den neuen Ideen bin ich auch gefolgt. Es funktionierte. War ich nun erfolgreich? Es schien jedenfalls voranzugehen.

Der Beginn meines Berufes hat mir viel Neues gelehrt. Ich habe viele neue Menschen kennengelernt. Aber irgendwie war niemand dabei, der mir wirklich erklärt hat wie es nun funktioniert, das „erfolgreich sein“. Zumindest hat mir niemand es so beschrieben, das ich es sofort umsetzen konnte. Es schien mir alles zu kompliziert. Es gab gefühlt zu viele Wege und Ideen, die mir erklärt wurden, sobald ich danach gefragt habe.

Nachdem ich alles durchdacht hatte und immer eine Entscheidung getroffen hatte, die nichts unberücksichtigt ließ, war ich beruhigter. Dieses Muster wiederholte sich aber so viel und in jedem Bereich, dass ich irgendwann dachte, ein Mentor wäre doch die richtige Lösung. Jemand, der mich führt, der genau weiß, was ich vorhabe und an den ich mich wenden kann, wenn ich eine Frage habe.

Es gibt ja den Spruch, dass du einen Mentor findest, sobald du dafür reif bist. Das stimmt auch. Man nimmt sich keinen Mentor, sondern er steht vor dir und du erkennst ihn sofort. Nach all den Bemühungen, den richtigen Weg zu finden, habe ich irgendwann aufgegeben. Und genau in diesem Moment ist es mir passiert, als ich eines Tages, bevor ich ins Büro gefahren bin, noch schnell ins Badezimmer ging, um mir die Zähne zu putzen. Und da stand er, endlich war ich bereit ihn zu sehen und ihm zuzuhören. Ich sah meinen Mentor, im Spiegel.

Vielleicht hast du deinen Mentor noch nicht gefunden

Das Ende des ersten Absatzes kann ernüchternd, witzig, enttäuschend, erleuchtend oder langweilig für dich als Leser sein. Wobei ich glaube, dass jeder, der nach einem Mentor Ausschau hält, eigentlich jemanden sucht, der einem den Segen gibt für nicht spontane Entscheidungen, die im Leben getroffen werden. Manch einer sucht den Mentor für den Beruf, für die Liebe, für die Freundschaft oder für welchen Bereich auch immer.

Ein Mentor kann nicht gesucht werden, er soll doch aus freien Stücken vor dir stehen und uneigennützig dir seinen Rat geben. Das kann nur passieren, wenn du auch aus freien Stücken handelst und deinen Weg gehst. Ein Mentor sieht deinen Aufwand, deinen Willen und deine Haltung. Oft erkennt ein echter Mentor sich selbst in einem jungen Menschen wieder und hat vielleicht in gleichem Alter auch von seinem Mentor profitiert.

Vielleicht ist der Mentor aber nur die Metapher, die du für dich suchst. Der Glaube, jemand holt dich ab, jemand übernimmt die Verantwortung für dein Handeln. Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn es so wäre. Es ist sogar normal und natürlich, wenn du auf deinem Weg immer mehr Schichten der Erwartungshaltung von dir abstreifst, um letztendlich zu erkennen, dass du es alleine schaffen kannst, im besten Sinne für dich zu entscheiden, was auch immer dir begegnet. Und zwar mit vollster Überzeugung.

Solltest du immer noch Ausschau halten, auch wenn du es dir selbst ungern zugeben magst, ist es ok. Es ist ein Prozess, der seine Zeit braucht und es ist kein Wettlauf. Es geht nur um deinen Weg, was auch immer du tust.

Text und Bild: Robert Bree