Zur Person: Chris Campe ist eine sehr geschätzte Kollegin aus Hamburg, die letzte Woche ihr „Handbuch Handlettering“ im Haupt Verlag veröffentlicht hat. Sie beschäftigt sich speziell mit Handlettering und Kalligrafie, um individuelle Lösungen im Design zu finden. Dazu gibt sie auch Workshops.

Hier stelle ich 4 knackige Fragen an Chris, um herauszufinden, wie Du Anfangsschwierigkeiten überwinden kannst, wenn du mit der Kunst der Buchstaben gerade begonnen hast.

Hallo Chris, von unserem Gespräch erhoffe ich mir einige Tipps, die allen helfen können, die erst kürzlich mit dem Buchstaben-Zeichnen oder dem schönschreiben begonnen haben.

1. Viele, die mit dem Lettering oder der Kalligrafie begonnen haben, klagen darüber, dass sie sich so langsam verbessern mit ihren Ergebnissen. Woran kann das liegen?

Man wird nur besser, wenn man regelmäßig übt, daran führt einfach kein Weg vorbei. Jeden Tag 20 Minuten, da passiert nach zwei, drei Wochen schon richtig viel.

brushlettering-1Am Anfang zeichnet man Buchstaben natürlich nach Vorlagen. Aber irgendwann ist es wichtig, zu verstehen, wie Buchstaben aufgebaut sind und wie sie funktionieren, damit man nicht mehr auf die Vorlagen angewiesen ist. Dieses Verständnis entwickelt man zum Beispiel, indem man sich gelungene Lettering-Beispiele von anderen ansieht. Allerdings genügt es nicht, zu denken „Wie toll!“, sondern man muss analytisch schauen und sich fragen, was daran funktioniert und warum. Dadurch lernt man, auch die eigenen Werke selbstkritisch zu betrachten und sie zu verbessern.

2. Eigentlich möchten die meisten sofort mit Kompositionen, spektakulären Script-Letterings und floralen Elementen beginnen und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Jedoch lege ich in meinen Workshops viel Wert auf die Basics bevor man sich an die komplizierteren Werke herantastet. Wie bleiben bei dir auch die einfachen Übungen aufregend?

Üben ist manchmal einfach langweilig. Doch wenn man sich ganz auf das konzentriert, was man gerade tut, können auch einfache Übungen interessant sein. Zum Beispiel ist es doch erstaunlich, dass die Buchstabenformen beim Brush Lettering allein durch die Bewegung der Hand und die Regulierung des Drucks entstehen. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Workshops finden die Brush Lettering Übungen meditativ und wenn man sie so betrachtet, sind sie zwar nicht aufregend, aber auch nicht mehr langweilig.

Die, die dieser Betrachtungsweise nichts abgewinnen können, versüßen sich das Üben vielleicht, indem Sie mit verschiedenen Werkzeugen und Untergründen experimentieren oder mit anderen zusammen üben. Auch Likes und Beifall in den sozialen Medien können zum Weitermachen motivieren, wenn man sich einfach mal traut, Übungsergebnisse zu zeigen.

3. Frustration habe ich während meiner bisherigen Zeit mit der Buchstaben Kunst oft erlebt. Die Resultate nicht so waren nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, oder mein Stil hat sich nicht oder kaum verbessert. Mein Tipp für andere und für mich selbst ist einfach und schwer zugleich: einfach weitermachen! Wie gehst du mit Situationen um, wo es nicht so gut klappt und du am liebsten aufhören möchtest?

brushlettering-2Wie du schon sagst, in solchen Momenten heißt es: atmen und einfach weitermachen. Hält man bei einer Arbeitssession die erste halbe Stunde durch, ohne sich selbst zu irritieren und das Ganze hinzuwerfen, kommt man oft in einen Flow-Zustand und es wird leichter.

Wie bei jeder kreativen Arbeit muss man Vertrauen darin haben, dass es schon gelingen wird – der Witz ist ja gerade, dass man vorher nicht wissen kann wie, und dass das Ergebnis am Ende fast immer von dem abweicht, was man sich am Anfang vorgestellt hat. Wüsste man gleich zu Beginn, wie man ein Gestaltungsproblem löst, bräuchte man sich fast nicht mehr an die Umsetzung zu machen.

Das Wesentliche passiert während des Arbeitsprozesses und daher ist es wichtig, offen zu sein und die Vorstellung davon, was man machen will, immer wieder an das anzupassen, was man gerade macht – denn das, was man aufs Papier bringt, ist oft sogar interessanter als das, was man im Kopf hatte. Unternimmt man diese Anpassung nicht, wird man nicht nur frustriert, sondern verpasst auch die Chance, in vermeintlichen Fehlern neue, kreative Lösungen zu erkennen.

4. Hast du eine Übung, die du aus deiner Anfänger Zeit, noch kennst und die du heute noch machst?

Die Schreibschrift, die ich viel verwende, ist aus wenigen, einfachen Grundstrichen aufgebaut. Diese immer noch mal zu üben, kann nie schaden. Sie sind wie die Fingerübungen beim Klavierspielen oder das Aufwärmen beim Sport.

Vielen Dank für das Gespräch und die guten Tipps.

Nächste Woche stelle ich euch das neue Buch von Chris Campe hier im Blog vor.

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Hier geht es zur Website von Chris Campe.

Autor: Robert Bree | Logodesigner und Handlettering Spezialist
Fotos: Stephanie Haack, Hamburg (Buch/Portrait), Brushlettering 2 (Norman Posselt, Berlin) Brushlettering 1, Buch Cover (Chris Campe)
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